Freitag, 31. August 2012

Steorn, das Perpetuum mobile und die Jury - Teil 2

Im Herbst 2006 gab die irische Firma Steorn bekannt, ein Gerät entwickelt zu haben, das ohne Zufuhr von Energie, nur durch die Interaktion von Permamentmagneten, unbegrenzt Energie erzeugen soll. Bis heute, sechs Jahre später, ist davon nichts zu sehen.

Überhaupt hat Steorn in dieser Zeit kein einziges Produkt auf den Markt gebracht, das sich käuflich erwerben ließe - trotz diverser Ankündigungen. Auch hat keine Person oder Firma je öffentlich geäußert, Dienstleistungen der Firma Steorn in Anspruch genommen zu haben. Bekannt ist jedoch, dass 14 bis 20 Millionen Euro an Investorengeldern an Steorn geflossen sind - hauptsächlich von irischen Landwirten. Ob Steorn überhaupt irgendwelche Leitungen erbracht hat, ist ebenfalls unbekannt.

Das einzige "Produkt" war ein Entwickler-Forum, in dem man sich gegen Zahlung von 419 (!) Euro anmelden konnte, um angeblich an den technischen Geheimnissen der "Orbo-Technologie" teilhaben zu können. Tatsächlich gab es aber in diesem Forum so gut wie keine Kommunikation von Seiten Steorns, von ein paar Flash-Animationen zu grundlegenden physikalischen Experimenten abgesehen. Ob es tatsächlich zahlende Mitglieder in diesem Forum gab, darüber gibt es keine Informationen. Die Teilnehmer der ersten Version dieses Forums hatten noch kostenlosen Zutritt, erhielten allerdings auch keine relevanten Informationen. Stattdessen nutzte Steorn die Kreativität dieser Teilnehmer, um aus deren Entwürfen eigene Modelle für ihre Orbo-Attrappen zu fertigen. Letztes Jahr wurde auch das letzte Steorn-Forum kommentarlos geschlossen.

Im Juli habe ich bereits darüber geschrieben, dass aufgrund abgelaufener Schweigefristen einige Details zu der von Steorn einberufenen Wissenschafts-Jury an die Öffentlichkeit gekommen sind. Hier folgt der zweite Teil der Übersetzung eines Interviews mit Dr. Ian McDonald, dem Vorsitzenden der Jury, das in einem englischen Forum stattfand. Die Fragen wurden von den Mitgliedern des Forums gestellt.

Frage: War Eric Ash ein Mitglied der Jury und würde er sich als solches zu erkennen geben? Unabhängig davon, wurden seine öffentlich zugänglichen Anmerkungen zu Steorns Permanentmagnet-Motor  und seine Einschätzung, dass es sich dabei um einen Fall "fortgesetzten Selbstbetrugs" handelte, in der Jury diskutiert?
"I believe that Mr McCarthy is truly convinced of the validity of his invention. It is, in my view, a case of prolonged self deception.
Eric Ash"
Antwort: Eric Ash war nicht in der Jury. So weit ich weiß wurden die Namen aller Mitglieder zum Abschluss veröffentlicht. Sechs Mitglieder sind bis dahin aus der Jury ausgeschieden, wenn ich mich recht erinnere. Den Kommentar kannte ich zu der Zeit nicht.

Frage: Haben Sie irgendwelche Aktivitäten eines Dokumentationsteams beobachtet?
Antwort: Es gab Gerüchte, dass eine Dokumentation produziert werden sollte, aber von einem Filmteam war nichts zu sehen. Nachdem die Jury 2009 ihre Arbeit beendet hatte, wurden alle Juroren von Steorn kontaktiert und gefragt, ob sie einzeln nach Dublin kommen wollten um an einer Dokumentation teilzunehmen. Alle bis auf ein Mitglied lehnten ab. Als ich mit dieser Person zuletzt sprach, etwa ein Jahr später, sagte er, dass sich in dieser Angelegenheit nichts weiter getan hätte.

Frage: Gab es Mitglieder in der Jury, die schon mal an einer vergleichbaren Evaluation von Overunity-Technologie beteiligt waren?
Antwort: Ich selbst habe so etwas vorher nicht gemacht und ich hätte auch nicht gedacht, dass jemand ernsthaft davon ausging, dass ein Perpetuum mobile möglich ist. Allerdings gab es ein paar Juroren, die sich bereits mit ähnlichen alternativen Energietechnologien beschäftigt hatten.

Frage: Folgende Antwort habe ich vor drei Jahren von einem Jurymitglied bekommen. Ist diese Aussage korrekt?
"Ich war in der Jury, aber uns wurde nichts Bewegliches zur Überprüfung vorgelegt. Die einzigen Apparate, die wir sahen, waren ein paar quasi-statische Testaufbauten und diese haben keine überzeugenden Hinweise auf Energieerzeugung gezeigt. Nach zwei Jahren und diversen Fristverlängerungen brachen wir schließlich ab. Seltsam, dass Steorn immer noch versucht, diese Idee zu vermarkten. Ich gehe davon aus, wenn sie irgend etwas vorzuweisen hätten, dann hätten sie es uns gezeigt."
Antwort: Ja, diese Aussage ist korrekt.

Frage: Welche Apparatur wurde Ihnen gezeigt? War es eine von diesen?


Anmerkung: Das Bild zeigt ein Gerät zur Drehmoment-Messung, das Steorn tatsächlich selbst gebaut hat, bzw. bauen ließ, um Kräfte in rotierenden Magnetanordnungen zu messen. Im ersten Teil des Beitrags wird dieses Gerät erwähnt.

Antwort: Das Gerät in Bild B kommt der gezeigten Apparatur am nächsten.

Frage: Hat die Jury irgend etwas zu sehen bekommen, was die etwa 20 Millionen Euro Investitionen rechtfertigt?
Antwort: Wie ich schon früher sagte, kann ich mir nicht erklären, warum Steorn diesen Weg ging. Die Firma wirkte wie ein ganz normales Startup-Unternehmen in der Kapitalisierungsphase. Nur das Geschäftsmodell kam mir seltsam vor. Da es aber letztendlich kein Produkt gab, halte ich die Investitionen nicht für gerechtfertigt.

Frage: Ich kann mich nicht mehr an den exakten Vorgang erinnern, aber soweit ich weiß, gab es Unklarheiten, was das Statement der Jury betraf. Die Jury sagte, sie dürfe wegen des NDA keine weiteren Aussagen machen, Steorn dagegen sagte, sie würden einer weiteren Veröffentlichung zustimmen, wenn die Mitglieder der Jury dies öffentlich unter ihrem Namen tun würden. Im alten Steorn-Forum gab es deswegen einiges Hin und Her. 
Antwort: Ich erinnere mich gut, denn ich geriet darüber mit Sean McCarthy in einen ziemlich öffentlichen Disput. Zu dem Zeitpunkt habe ich gerade den Account in diesem Forum hier angelegt.
Die Situation war so, dass McCarthy in seinem Forum öffentlich behauptete, dass die Jury ihm verboten habe, den Abschlussbericht zu veröffentlichen. Daraufhin widersprach ich ihm im Forum. Niemand hat Steorn jemals davon abgehalten, etwas zu veröffentlichen. Ich wies außerdem darauf hin, dass es außer dem bereits veröffentlichten Statement der Jury, die Arbeit niederzulegen, keinen weiteren Bericht gab.

Frage: Guten Morgen, Mr. McDonald. Haben Sie während der Auseinandersetzungen mit Sean jemals Drohungen von Steorns Anwälten erhalten?
Antwort: Ja, wir bekamen die Drohung, den NDA gegen uns anzuwenden. Diese Drohung kam per E-Mail von Sean selbst. Er behauptete, seine Anwälte hätten ihn auf einen Verstoß gegen den NDA hingewiesen. Da wir diesbezüglich aber sehr vorsichtig waren und uns strikt an die Formulierungen des NDA gehalten haben, widersprachen wir. Trotzdem waren wir deswegen einigermaßen besorgt.

Frage: Wie wir wissen, haben einige Mitglieder die Jury vor dem Abschlussbericht verlassen und das abschließende Statement wurde von den verbleibenden Mitgliedern einstimmig abgegeben. Einige Kommentatoren äußerten daraufhin den Verdacht, dass es Unstimmigkeiten innerhalb der Jury gegeben habe, während andere einfach davon ausgingen, dass jene Juroren einfach aus Langeweile ausgetreten sind. Können Sie sagen, ob von den vorzeitig ausgeschiedenen Jury-Mitgliedern jemand der Meinung war, dass Steorns Behauptungen zutrafen? Haben sie die Jury verlassen, weil es sie gelangweilt hat, oder weil sie sich von der restlichen Jury nicht ernst genommen fühlten?
Antwort: Keiner der ausgetretenen Juroren sagte, dass er Steorns Behauptungen glaube. Einer schied auf Drängen seines Arbeitgebers aus, einer fürchtete um sein Ansehen, der Rest hat sich nach und nach verabschiedet, weil nichts mehr passierte. Ich bin ziemlich sicher, dass niemand den Eindruck hatte, nicht ernst genommen zu werden. Jeder Juror hatte ein Vetorecht über alle Entscheidungen.

Frage: Ich habe keine spezielle Frage, aber gibt es vielleicht irgendwelche interessanten Anekdoten, die Sie gerne mit uns teilen möchten? Vielleicht etwas, das den ganzen Zeitaufwand über die Jahre doch etwas weniger sinnlos erscheinen lässt?
Antwort: Die folgende Anekdote lässt die Jury zwar etwas albern aussehen, aber hier ist sie:
Wir kamen am einem Montag in Dublin an und trafen am Dienstag Morgen bei Steorn ein. Nach einer Präsentation des Jury-Verfahrens, wie Steorn es sich vorstellte, sagte Sean, sie würden ein Gerät für uns zusammenbauen (er sprach damals noch nicht von "Orbo"), so dass wir sehen können, dass keine versteckten Tricks eingesetzt würden, und uns dieses Gerät dann vorführen. Ein kleines Rad mit Magneten wurde zusammengeschraubt und in Drehung versetzt. Es wurde ziemlich schnell langsamer. Wir bekamen ein paar Sandwiches, währen die Techniker mit dem Gerät herumspielten. Am Nachmittag setzten wir die Diskussion fort, wie der Prüfungsvorgang aussehen sollte, während sich die Techniker im Nebenraum immer noch mit dem Rad beschäftigten. Zum Feierabend funktionierte es aber immer noch nicht. Am nächsten Tag (Mittwoch) lief das Rad ebenfalls nicht, also sagte Steorn, sie würden ein anderes Gerät aus Holland einfliegen lassen, das dort von einem Partner produziert würde, der eine bessere Ausrüstung habe. Man bot uns eine Stadtrundfahrt durch Dublin an. Am Donnerstag sagten sie uns, es sei ihnen sehr unangenehm, aber der Kurier habe leider seinen Flug von Holland nach Dublin verpasst, weshalb das Gerät erst am Freitag einträfe. Am Freitag dann stellte sich heraus, dass es an diesem Tag überhaupt keinen Flug gab.
Damit ist die Geschichte aber noch nicht beendet. Die 22 Jury-Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, deren Mitglieder sich jeweils in den folgenden Wochen treffen sollten. Das alles geschah so weit in der ersten Woche. Niemand vom ersten Team blieb eine zweite Woche, aber da ich zum Vorsitzenden gewählt wurde, verbrachte ich die nächsten Tage in Irland. Am Donnerstag der folgenden Woche fuhr ich zurück nach Dublin, um an der Diskussion mit der ersten Gruppe teilzunehmen. Bis dahin war immer noch kein Gerät aufgetaucht und auch die Mitglieder der anderen Gruppe hatten nichts zu sehen bekommen.
Insgesamt denke ich, die Jury hat Steorn jede nur erdenkliche Chance gegeben und wartete geduldig auf ein Ergebnis - länger als ich selbst gewartet hätte.

So weit die letzten Antworten von Dr. McDonald. Es gibt noch ein paar weitere Details zu der Jury-Geschichte und die Diskussion wird möglicherweise irgendwann fortgesetzt. Das soll dann Gegenstand des nächsten Artikels zu diesem Thema sein.


1 Kommentar:

Achim König hat gesagt…

nettes Bild von dem Automotor, aber den hatte schon Lukas der Lokomativführer auf Lummerland erfunden. Bei Eseln dagegen soll es funktionieren, wenn der Magnet durch eine Möhre ersetzt wird :)